Müssen Kinder teilen lernen?

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Dicke Luft in der Sandkiste

Wer ein Kleindkind hat, kennt diese Situtation: Das eigene Kind hat sich in der Spielplatz-Sandkiste ein vermeintlich herrenloses Sandspielzeug gegriffen und zur temporären Nutzung für gut befunden. Eigentlich würde 3 Minuten später eine Schaukelpartie auf dem Programm stehen, doch so weit soll es nicht kommen. Der Begriff „vermeintlich herrenlos“ wird zum zentralen Dreh- und Wendepunkt in der (noch) intakten Harmonie.

Dann gibt sich der mutmaßliche Besitzer zu erkennen und schreitet ohne einhergehende Klärungsdebatte über zur Tat. Diese besteht aus der Zwangsenteignung und Wiederherstellung der rechtmäßigen Besitzverhältnisse. Ein juristischer Konflikt entfacht, denn beide Parteien wähnen sich im Recht. Die Harmonie im Sandparadies gerät aus den Fugen… (Selbstverständlich existiert diese Situation auch in umgekehrter Form mit getauschten Rollen.)

Schnell muss nun ein elterlicher Schlichtungsplan in die Wege geleitet werden. Ist dem so? Doch wenn ja, welcher? Dem einen Kind klarmachen, dass es nicht mit fremden Besitztümern spielen soll? Oder sollten die Eltern doch besser das andere Kind dazu auffordern, sein Sandspielzeug zu teilen? – Im Sinne eines vorbildlichen Sozialverhaltens? Wie sollten Eltern überhaupt Situationen, wie dieser, umgehen?

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Ein paar Worte zur Persönlichkeitsentwicklung

Diverse Studien und Sozialexperimente beschäftigen sich mit dem Thema „Teilen“ und kommen zu einem meist ähnlichen Konsens: Teilen zu können ist eine Fähigkeit, die nicht von Geburt an vorhanden ist. Sie muss sich entwickeln. Die Entwicklung ist einerseits abhängig vom Ich-Empfinden des Kindes. Zum anderen von der Art und Weise, wie dem Kind das Thema „Teilen“ vermittelt wird.

Dein & Mein

„In den ersten Jahren sind Kinder von Natur aus selbstbezogene Wesen.
Sie erleben sich als Mittelpunkt ihrer Welt.“
Remo H. Largo (*1943, Winterthur)

Laut dem Schweizer Kinderarzt und Fachbuchautor Remo H. Largo beginnt ein Kind erst mit ca. 4 Jahren, sich seiner eigenen Gefühle bewusst zu werden (Introspektion) und kann in Folge lernen, sich in die Gefühle anderer Menschen hineinzuversetzen (Extrospektion). Die Zusammenhänge beschreibt Largo in seinem Bestseller „Babyjahre: Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren“ *. – In der Psychologie nennt man die Fähigkeit zur Extrospektion übrigens auch Theorie of Mind.


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Bis etwa zu diesem Alter ist die Grenze zwischen dem Kind und seiner Umgebung also zunächst unscharf. Erst nach und nach erlernt ein Kind, sich von seiner Umwelt abzugrenzen und entwickelt ein Bewusstsein für das „eigene Ich“ und ein „fremdes Du“. Das Kind begreift allmählich, dass es einen Unterschied gibt, zwischen ihm und der restlichen Welt.

Dieser Lernprozess wird oft von Trotzphasen begleitet. Diese mögen zum Leidwesen der Eltern sein. Dennoch, ist der Prozess wichtig für die „Ich-Entwicklung“ des Kindes. Bevor ein Kind bewusst und aktiv mit anderen teilen kann, muss es zunächst zwischen „Ich & Du“, sowie zwischen „Mein & Dein“ differenzieren lernen.

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Zum Teilen auffordern?

In diesem Alter versteht ein Kind alles, was unmittelbar zu seinem Leben dazugehört als Teil des „eigenen Selbst”. Drängt man das Kind nun dazu, seine Spielsachen mit anderen zu teilen, so verlangt man ihm ab, einen Teil des eigenen Selbst aufzugeben. Für Erwachsene, die sich an ihre eigene Zeit in diesem Alter nicht mehr bewusst erinnern können, ist das teilweise nur schwer zu verstehen.

Es ist ein langer Entwicklungs- und Lernprozess, den ein Kind durchläuft bis daraus ein echter Sinn für Gerechtigkeit entsteht. Dieses Verständnis lässt sich nicht erzwingen, indem man ein Kind zum Teilen nötigt. Im Gegenteil: Durch den auferlegten Zwang könnte das Kind als Muster erlernen: „Teile nur dann, wenn sich dadurch ein Konflikt vermeiden lässt.“ Im Umkehrschluss: Muss ein Kind nicht fürchten, dass ihm etwas gegen seinen Willen entrissen wird, kann es aus eigener Motivation heraus teilen.

Bücher über das Teilen

Auch in der Kinderliteratur wird das Thema „Teilen“ thematisiert. Das geschieht auf sehr unterschiedliche Weise. Aber seht selbst…


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Fazit

Wie also sollte man einem Kleinkind von 2 oder 3 Jahren das Teilen nahebringen?

Die Antwort ist sehr einfach, nachdem man sich die Grundlagen der Persönlichkeitsentwicklung vor Augen geführt hat: Erst einmal gar nicht. Man sollte ein Kind nicht zum Teilen zwingen. Denn erst dann, wenn ein Kind gelernt hat, dass es ein „Dein & Mein“ gibt und, dass sein Wunsch, eigene Dinge zu behalten, respektiert wird, kann es freiwillig etwas abgeben bzw. teilen. Das ist ein wichtiger Lernprozess und das Kind muss damit seine eigenen Erfahrungen machen. Vielleicht macht es irgendwann keinen Spaß mehr, mit den vielen Spielsachen alleine in der Sandkiste zu spielen… 😉

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